Von der angeblichen Speerspitze zur belagerten Kaderschmiede.

Wer versuchen will, die Entwicklung und vor allem die Relevanz der halleschen Identitären Gruppierung formerly known as “Kontrakultur” und ihres Hausprojektes zu analysieren, steht einigen Herausforderungen gegenüber. Auf der einen Seite gilt es, die Selbstinszenierung der “Identitären” als „Massenbewegung der patriotischen Jugend“ – oder wie auch immer sie sich selbst imaginieren – kritisch zu hinterfragen und als den Scheinriesen zu demaskieren, der sie ist. Zeitgleich gilt es aber auch, die Straßenschwäche der Identitären nicht mit gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit gleichzusetzen.

Die “Identitären” sehen sich als Teil einer “Mosaik-Rechten”, also als Teil einer größeren Ansammlung von Akteuren und Organisationen, die teilweise in enger Kooperation, teilweise in offenem Widerspruch zueinander, versuchen, das gesamtgesellschaftliche Klima zu beeinflussen. Ihre Aktivitäten lassen sich nicht verstehen, wenn man sie nicht als Teil eines breiten faschistischen Netzwerks begreift. Das Ziel der metapolitischen Diskursverschiebung, auf das es den Identitären ankommt, lässt sich mit anderen Mitteln als Großaufmärschen sowieso viel besser erreichen. Zum Beispiel mit doppelseitigen Porträtartikeln im Spiegel oder der 15. Homestory aus dem Haus in Halle, in der die Identitären mal wieder die eigene “patriotische Gewaltlosigkeit” und Greenpeace-Ähnlichkeit betonen dürfen, ohne weitere kritische Einordnung zu erfahren. Gleichzeitig wäre es eine grob fahrlässige Vereinfachung der aktuellen politischen Situation, die “Identitären” als Hauptverantwortliche dafür zu benennen, dass überall antisemitische, rassistische, nationalistische und autoritäre Einstellungen offener nach außen getragen werden. Damit würde man bereits lange vor dem Auftreten der “Identitären” und der “Kontrakultur” beginnende relevante Entwicklungen und Ereignisse ignorieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man allein über die Rolle von Social Media in der (Miss-)Erfolgsgeschichte der “Identitären” und die Schwierigkeiten der Analyse ebendieser zahlreiche Seiten füllen könnte.

Dennoch scheint die Präsenz der halleschen Gruppe in den sozialen Medien ein guter Startpunkt für eine Analyse ihrer Relevanz und Entwicklung zu sein. Die erste öffentliche Aktion der halleschen “Identitären” war nämlich darauf ausgelegt, auf eben diese Internetpräsenz hinzuweisen. Im Juni 2015 wurden mehreren Büsten im Löwengebäude der halleschen Uni Binden über die Augen gezogen, außerdem entrollten IBler ein Transparent und warfen winzige Zettelschnipsel durch das große Treppenhaus, auf denen die Adresse der “Kontrakultur”-Website stand. Inszeniert wurde das ganze als „Protest“ gegen den angeblich die Unis dominierenden linken Mainstream, den die Büstenvordenker nicht mehr sehen müssen sollten; der tatsächliche, primäre Sinn war aber der Hinweis auf die eigene Onlinepräsenz. Im Juni und Juli 2015 fanden noch zwei weitere, ähnliche Aktionen statt, unter anderem die Plakatierung der Hochstraßenpfeiler am Franckeplatz mit einem stilisierten Kopf der Statue des Sankt Michael vom Völkerschlachtdenkmal in Leipzig.

Ebendiesen Sankt-Michaels-Kopf ernannten die halleschen “Identitären” dann auch auf ihrer Facebookseite zu ihrem Maskottchen, da er angeblich als Schutzpatron der Deutschen einen wehrhaften Einschlag in das sonst ja ach so friedliche Christentum brachte. In Anbetracht der Tatsache, dass den “Identitären” vom “Historischen Fechtkunstverein Halle” das Symbol ihres Hausprojekts – das als “Flamberg” bezeichnete Schwert – erklärt werden musste, ist davon auszugehen, dass auch hier wieder kräftig an der Geschichte der eigenen Symbolik herumgedoktert und -gelogen wurde. Interessant ist weiterhin die Abkehr vom klassisch-”identitären” Lambda mit der schwarz-gelben Farbgebung zugunsten der rot-schwarzen Corporate Identity, mit dem die “Kontrakultur” aufgetreten ist, bis sie ihren eigenen Gruppenauftritt aufgaben. Die Gruppe nahm von Anfang an eine Sonder- und Vorzeigerolle innerhalb der vielen, in größeren und vor allem universitär geprägten Städten aktiven “IB”-Gruppen ein. Die Abkehr von den „klassischen“ Symbolen der “Identitären” kann durchaus als ein bewusstes Nach-Außen-Tragen dieser Sonderrolle gewertet werden.

Zusätzlich zu den Aktivitäten der Kontrakultur betreiben (ehemalige) Mitglieder und ihr Umfeld eigene Medienproduktionen, die im Vergleich zum Rest der “Bewegung” am aktivsten und sichtbarsten sind. Damit ist nicht nur Melanie Schmitz’ teilweise gern verspotteter Instagram-Account gemeint, sondern auch der V-Log von Philipp Thaler und Alexander Kleine, das Musikprojekt von Schmitz und Till-Lucas Wessels, die Marke “Radical Esthetique” und der Rapper Komplott aus Marburg. Der Versuch ihn als Teil der Kontrakultur zu inszenieren scheiterte dank antifaschistischer Recherchen.

Bezüglich der Aktionen der “Kontrakultur” ist auffällig, dass sie einer gewissen Dramaturgie folgen. Neben nicht-öffentlichen Stammtischen fanden bis circa März 2016 zunächst vor allem kurze Aktionen wie das Entrollen von und sich Fotografieren mit Transparenten zur Eröffnung der “Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZAST)” im ehemaligen Maritim-Hotel oder vor dem Sozialamt statt, die innerhalb weniger Minuten vorbei waren und primär auf die Generierung von Fotos für Facebook zielten, sonst aber kaum Aufmerksamkeit erzeugten. Die einzige Ausnahme bildete das Stören der Informationsversammlung für Bürger*innen zur Eröffnung der ZAST in Halle in der Marktkirche im September 2015, bei dem Mitglieder der “Kontrakultur” auch zum ersten Mal identifiziert werden konnten. Ab März 2016 änderte sich das Format: Es wurden Aktionen durchgeführt, die länger im öffentlichen Raum stattfanden oder zumindest sichtbar waren, zum Beispiel Straßentheater oder das Verteilen von Pfefferspray. Mit dem Zumauern eines Wahllokales, das der LAMSA e.V. für Probewahlen für Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft eingerichtet hatte, gelang der “Kontrakultur” im März 2016 außerdem der Sprung in die überregionale Presse. Trotzdem waren diese Aktionen oft nach vergleichsweise kurzer Zeit vorbei, bedurften keiner öffentlicher Mobilisierung, waren meist mehr für die Verbreitung der eigenen Inhalte und Aktionen online gedacht und hinterließen keinerlei dauerhafte Zeichen der Präsenz der “Kontrakultur” im Stadtbild. Diese Dramaturgie lässt sich leicht damit erklären, dass sie nicht nur mehr und mehr (mediale) Aufmerksamkeit erzeugen, sondern auch ein konstantes Wachstum der „Identitären Bewegung“ suggerieren sollte.

Ab dem Herbst 2016 änderte sich das Aktionsformat erneut: Statt mehreren Straßentheateraktionen und kleineren Plakatierungen fanden eigentlich nur ein Bannerdrop zur feierlichen Immatrikulation an der MLU und das vermeintliche Selbstouting durch Plakate und auf Facebook statt. “Geoutet” haben sich jedoch nur jene Aktivist*innen, welche bereits im Vorfeld durch antifaschistische Strukturen öffentlich gemacht wurden. Bei besagtem Outing inszenierten sich die Identitären außerdem als friedliche und harmlose Aktivist*innen, die sich dennoch heroisch nicht nur für ihr imaginiertes Volk einsetzten. Zeitgleich beteiligte sich die “Kontrakultur” an mehreren Aktionen, die in Berlin stattfanden und als Aktionen der “Identitären Bewegung Deutschland” beworben wurden, zum Beispiel an der sogenannten „Blockade“ des Justizministeriums im Mai 2017 oder der Demo der “IB” im Juni 2017 in Berlin. Natürlich waren sie dabei nicht die einzigen „Identitären“, die aus anderen Regionen Deutschlands herangekarrt wurden, aber auffällig ist trotzdem, dass “Kontrakultur”-Kader, wie vor allem Mario Müller oder Philipp Thaler, zentrale Koordinationsaufgaben übernahmen. Auch eines der beiden Mobivideos für die Demo in Berlin wurde in Halle gedreht – doch auch dafür benötigten die halleschen Identitären deutschlandweite Unterstützung.

Zeitgleich enthüllte die Recherche-Plattform LSA rechtsaußen das in Halle geplante „Hausprojekt“, welches vorher auf der Website von “EinProzent” angedeutet worden war. Es erscheint logisch, dass aufgrund der Beteiligung an der Vorbereitung und Durchführung mehrerer großer Aktionen der “IB Deutschland” und der gleichzeitig erfolgenden Vorbereitung der Hauseröffnung ab Herbst 2016 deutlich weniger Aktionen der “Kontrakultur” als zuvor stattfanden, obwohl die Gruppe bis zum Juli 2016 ein bis vier Aktionen pro Monat durchführte.  Wichtig ist aber vor allem, dass die Aktionen größer und dramatischer wurden: Statt Straßentheater entlang des halleschen Boulevards, stationären Kundgebungen und Bannerdrops wurden nun Blockaden und Demos mit deutschlandweiter (Kader)Beteiligung organisiert. Im Juli 2017 führten wir als Kick them out unsere erste Demo zum Haus in der Adam-Kuckhoff-Straße durch. Die “Identitären” mobilisierten für die “Verteidigung” des Hauses bundesweit sowohl ihre eigenen Kader als auch regional bekannte Neonazis wie Sven Liebich als „Schutz“ und Machtdemonstration. Das Zahlenverhältnis stand mit 10 Gegendemonstranten auf einen Fascho dennoch deutlich zu unseren Gunsten.

Die Eröffnung des Hauses gegenüber vom geisteswissenschaftlichen Campus und die ungefähr zeitgleich stattfindende, menschenverachtende „Mission“ im Mittelmeer, die letzten Endes einen gescheiterten Versuch darstellte, Seenotretter*innen zu belästigen, kann man in der Dramaturgie der “Identitären” durchaus als Höhepunkt sehen. Danach änderten sich die Formate  merklich und insbesondere in Halle finden seitdem auch deutlich weniger Aktionen statt. So gab es im Oktober zwar einen Infostand am Löwencampus zur feierlichen Immatrikulation der neuen Erstsemester, bei diesem waren aber trotz der Reisefreudigkeit von Kadern aus ganz Deutschland gerade mal 30 Leute anwesend.

Ab Dezember 2017 bis November 2018 fanden – mit dreimonatiger Unterbrechung – jeden Monat mindestens ein „Staatspolitischer Salon“ in Kooperation mit Kubitschek‘s „Institut für Staatspolitik“ statt. Die Zahl der öffentlichen Auftritte beziehungsweise Aktionen ist jedoch auffällig gesunken. Nach dem Infostand in der Nähe des Unicampus im Oktober 2017 wurde im August 2018 noch eine sogenannte „Identitäre Zone“ am Leipziger Turm und ein Infostand zur feierlichen Immatrikulation im Oktober 2018 veranstaltet. Beide Veranstaltungen waren schlecht besucht; ein für den April 2019 angekündigter Infostand am Löwencampus wurde abgesagt, nachdem auf Twitter der Sprecher des “HalleGegenRechts”-Bündnis Gegenprotest ankündigte. Im Frühjahr 2019, insbesondere vor der Kommunalwahl im Mai, begannen die “Identitären” verstärkt in verschiedenen Vierteln Halles zu flyern, inzwischen scheint aber auch das wieder abgenommen zu haben.

Dass mit der Eröffnung des Hauses kaum noch öffentliche Aktionen der “Kontrakultur” stattfanden, heißt natürlich nicht, dass die “Identitären” vollkommen inaktiv wurden. Eher das Gegenteil: das Aktionsformat hat sich schlicht erneut verschoben. Statt öffentlichen Aktionen fanden seit November 2017 – als das Haus nach zwei KickThemOut-Demos schließlich auch offiziell “eröffnet” wurde – jeden Monat mindestens eine, meist aber drei bis fünf Veranstaltungen im Haus statt. Neben den „Staatspolitischen Salons“ waren die meisten dieser Veranstaltungen Barabende oder Parties, die nicht im Vorhinein öffentlich beworben wurden, sondern von denen meist erst im Nachhinein Fotos veröffentlicht wurden. In unregelmäßigen Abständen fanden Veranstaltungen mit externen Gästen von der AfD oder dem “Asow”-Bataillon statt, die meist ebenfalls erst im Nachhinein öffentlich wurden. Außerdem gab es im Lauf der letzten anderthalb Jahre vier größer angekündigte Veranstaltungen mit mehreren semi-externen Gästen – also Gästen, die nicht direkt Kader der “Identitären”, aber durchaus Teil des „neurechten“ Milieus sind: zwei sogenannte „Bilderstürmer“-Tage im März 2018 und Mai 2019, der Weihnachtsmarkt im Dezember 2018 und die „patriotische Buchmesse“ im März 2019. Während diese Veranstaltungen ohne vorherige Anmeldung besucht werden konnten, musste man sich sowohl für die “Staatspolitischen Salons” als auch für die seit Frühjahr 2019 stattfindenden Veranstaltungen und angeblich öffentlichen Barabende per Mail anmelden.

Man kann also sagen, dass sich die “Identitären” seit der Eröffnung ihres Hauses stark in ihre Mauern zurückgezogen haben. Das Haus wird immer wieder als eine Art Werbefläche für sich selbst genutzt, in dem sie Transparente zu z. B. der drohenden Räumung der “HaSi” oder für eigene Veranstaltungen, sowie die „No Way“-Plakate außen am Gebäude anbrachten. Primär fanden zwei Arten von Veranstaltungen im Haus der “IB” statt: Zum einen halb-öffentliche oder öffentliche Veranstaltungen, die eher ein externes, interessiertes Publikum ansprechen sollten, wie die „Staatspolitischen Salons“, die „Identitäre Buchmesse“ und der “IB-Weihnachtsmarkt” und zum anderen nicht-öffentliche, oft primär hedonistische Veranstaltungen, die in erster Linie auf die eigenen Mitglieder abzielten, wie Faschings- und Weihnachtsparties, Kaderschulungen zu spezifischen Themen und Bar- und „Themenabende“, bei denen auch Vorträge stattfanden. Während die erste Art von Veranstaltungen häufig eine vorherige Anmeldung erfordert, wurde die zweite Art von Veranstaltung fast immer erst im Nachhinein besonders über Instagram öffentlich. Seit im November 2018 der letzte “Staatspolitische Salon” stattfand, hat auch die Zahl der halb-öffentlichen, eher inhaltlichen Veranstaltungen stark abgenommen. Die Veranstaltung zu „Okzident Media“ zum Beispiel wurde bereits zweimal verschoben, ein Ersatztermin war zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Textes nicht bekannt. Darauf basierend kann man theoretisieren, dass zu den meist mit mehr Aufwand verbundenen halb-öffentlichen Veranstaltungen mit “IB”-externen Referent*innen schlicht nicht ausreichend Gäste kamen, als dass sich dieses Format auf Dauer lohnen würde. Dennoch finden in unregelmäßigen Abständen Barabende und Parties statt, die unterschiedlich gut besucht sind, und wohl primär als soziales Schmiermittel für den eigenen Gruppenzusammenhalt funktionieren dürften.

Bezüglich des quasi-Rückzuges ins eigene Haus gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen kann es natürlich sein, dass sich die “Kontrakultur”-Kader schlicht übernommen haben und das Betreiben und Verteidigen des eigenen Hauses so viel Zeit und Energie gekostet hat, dass man keine Kraft mehr für öffentliche Aktionen hat. Ein weiterer, dazu passender Erklärungsansatz ist, dass sich die “Identitären”, insbesondere die Gruppe in Halle, durch die Dramaturgie der eigenen Aktionen, welche ein konstantes Wachstum ihrer “Bewegung” suggerieren sollte, selbst in eine Ecke manövriert hat: Nach der gescheiterten “Mittelmeermission” und der Enttarnung und Eröffnung des Hauses in Halle konnten die öffentlichen Aktionen kaum noch größerer und aufmerksamkeitsheischender werden. Der Versuch der “IB Österreich”, in Kooperation mit der “IB Deutschland” einen Alpenpass zu blockieren, kann nur als absolutes PR-Fiasko beschrieben werden. Und wenn man kaum noch große, medial gut rezipierte öffentliche Aktionen veranstalten kann, warum sollte man denn dann weitere, ähnliche Aktionen veranstalten? Dazu kommt, dass zumindest in Halle Aktionen wie Plakatierungen, Transpidrops, das Steigenlassen von Ballons in Unigebäuden oder eben Infostände von antifaschistischen Aktivist*innen grundsätzlich bemerkt und gestört wurden.

Desweiteren sperrten im Mai 2018 Facebook und Instagram alle Seiten mit einem expliziten Bezug zur “Identitären Bewegung”. Diese hatten als fundamentale Propagandaplattform der “Identitären” funktioniert; wie bereits erwähnt waren viele der Aktionen eben darauf ausgelegt, auf Social Media Plattformen gut auszusehen, darüber Menschen zu erreichen und so Versatzstücke der “identitären” Ideologie zu verbreiten. Wenn die Plattform zur öffentlichen Verbreitung und Dokumentation von Aktionen fehlt, die zentral für das zugrunde liegende Aktionskonzept war, warum soll man dann noch Aktionen veranstalten?

Eine weitere Erklärung für den Strategiewechsel der “Identitären” ist, dass das Ziel der Diskursverschiebung nach rechts und die verstärkte Akzeptanz von rassistischem, nationalistischem und autoritärem Gedankengut schlicht erreicht wurde. Vielleicht muss das gesamtgesellschaftliche Klima nicht mehr mit „metapolitischen“ Mitteln, also der Verbreitung von Aktionen wie Straßentheater und Bannerdrops über Social Media und gelegentlichen klassischen Medienberichten, beeinflusst werden. Wenn man bedenkt, dass Horst Seehofers Innen- und Heimatministerium im Winter 2018 mit dem Slogan „Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!“ in Berlin Werbung für eine Aktion, bei der aus Deutschland ausreisende Flüchtlinge Geld bekommen würden, gemacht hat, und damit an die Behauptung der “Identitären”, dass die sogenannten Herkunftsländer rückkehrende Flüchtlinge brauchen würde, erinnert, scheint die These nicht allzu gewagt. Auch das euphemistisch betitelte “Geordnete Rückkehr”-Gesetz, welches eine massive Verschlechterung der Situation von Schutzsuchenden in Deutschland bedeutet, erinnert in Namen und Inhalt durchaus an die Forderungen der “Identitären” bezüglich der “Remigration”.  Welche Rolle die “Identitären” – und insbesondere die “Kontrakultur” und ihr Haus – selbst in diesem Wandel gespielt haben und ob sie und die AfD nicht vielleicht primär nützliche Trottel sind, die autoritären Arschlöchern innerhalb der Union und der SPD eine praktische Begründung für den eigenen Rechtsruck liefern, ist schwer nachzuvollziehen und würde definitiv den Rahmen dieser Broschüre sprengen. Die Frage, was der hallesche Ableger der “Identitären” jetzt konkret vor Ort ist, scheint deutlich einfacher und vielleicht auch wichtiger zu beantworten.

Wenn man sich die auf “Hosenrunter” vorgestellten Mitglieder der “Identitären” Gruppe in Halle anschaut, fällt auf, dass bei relativ vielen der neueren Personen – Moritz Blech, Danielle Beau, Hannah-Tabea Rößler, Luca-Tom Kassella, Hagen Winsmann – keine vorherigen Aktivitäten in neonazistischen oder faschistischen Kontexten bekannt sind; anders als bei Personen wie Philip Thaler, Mario Müller oder Dorian Schubert, die quasi der älteren Kaderriege zugerechnet werden können. Besonders bemerkenswert ist der Werdegang des ehemaligen “Kontrakultur”-Mitglieds Paul Sass, der seit Herbst 2018 in Göttingen studiert. Wie bei den bereits erwähnten anderen neuen Kadern sind bei Sass vor seinem Auftauchen im “identitären” Haus in Halle keine vorherigen neonazistischen oder faschistischen Aktivitäten bekannt. Nach seinem Umzug nach Göttingen zeigte er laut den Recherchen der “Ausgetobt”-Gruppe mehrere Male den Hitlergruß, zeigte sich in Kleidung der “Arischen Bruderschaft”, einer elitären Gruppe aus der Kameradschaftsszene und bezog sich positiv auf Hitler. Außerdem war Sass an mindestens zwei körperlichen Angriffen auf linke Personen in Göttingen beteiligt, unter anderem wird ihm laut Göttinger Tageblatt “gefährliche Körperverletzung” vorgeworfen. Während Sass sich dem offen neonazistischen, kameradschaftlich organisiertem Spektrum nähert und offen gewaltbereit auftritt, geben andere “Identitäre” wie Hannah-Tabea Rößler und Christopher Lehmann sich bewusst deutlich bürgerlicher und suchen die Nähe zur AfD.

Zwar haben die “Identitären” es nicht geschafft, mit ihrem Haus ihr Publikum in Richtung eines bürgerlich-akademischen Milieus zu erweitern und sich in der Nachbarschaft als Anlaufstelle zu etablieren, als Rekrutierungsort fungiert es trotzdem. Wahrscheinlich ist, dass ähnlich wie in linken Kontexten schlicht zwischenmenschliche Beziehungen den größten Einfluss darauf haben, inwiefern sich Menschen der ehemals als “Kontrakultur” benannten Gruppe anschließen. Das Haus funktioniert dann als Ort, an dem bereits vage faschistisch interessierte Personen geschult und weiter miteinander und mit bereits besser organisierten Faschos vernetzt werden. Zeitgleich ziehen nach wie vor “Identitäre” aus anderen Städten spezifisch nach Halle, zum Beispiel Moritz Busam aus Freiburg im Breisgau oder Robin Thomaßen aus Magdeburg.

Dazu kommt, dass – ausgehend von der Art der Aktivitäten, die hauptsächlich im Haus stattfinden und die Arbeit, die einzelne Kader machen – die “identitäre” Gruppe in Halle inzwischen als eine Kombination aus Kaderschmiede und Rekrutierungsfeld für die AfD oder andere neofaschistische Organisationen zu funktionieren scheint. So kandidierten mit Hannah-Tabea Rößler, Christopher Lehmann und Thorben Vierkant nicht nur mehrere Mitglieder der “Identitären” für die AfD für den Stadtrat oder den Studierendenrat in Halle. Mindestens ein Mitglied der “Identitären”, Jörg Dittus, ist Mitarbeiter im Büro eines AfD-Landtagsabgeordneten, in diesem Fall bei Robert Farle. Mario Müller arbeitet inzwischen nicht nur für seine eigenen, an die „Identitären“ angegliederten Projekte, wie die „Alternative Help Association“, sondern auch für das “Compact”-Magazin. Zusätzlich finden quasi alle bundesweiten Schulungen, zum Beispiel zu Pressearbeit, und Projektvorstellungen im Haus in Halle statt. Zwar hat die Gruppe, die einst “Kontrakultur” hieß, ihre Vorzeigerolle verloren; Halle und insbesondere das Haus scheinen allerdings eines der Zentren der “Identitären Bewegung Deutschland” geblieben zu sein, wofür auch die für den 20.07. in Halle geplante Demo spricht.

Volker Weiß beschrieb die „Identitäre Bewegung“ in seinem Buch “Die autoritäre Revolte” als den jugendlich-aktivistischen Arm der sogenannten „neuen Rechten,“ der quasi den imaginierten Kampf gegen eine angeblich vorherrschende linke Hegemonie auf die Straße trägt und der eng mit der AfD als parlamentarischem Arm und dem “Institut für Staatspolitik” als intellektuellem, inhaltlichen Anstoßgeber zusammenarbeitet. Der aktivistische, straßenorientierte Aspekt der “Identitären” hat in den letzten zwei Jahren in Halle noch mal deutlich abgenommen, auch wenn es den “Identitären” von Anfang an nicht gelang, Menschen außerhalb der sowieso schon rechten Szene zu mobilisieren. Die „Identitären“ sahen und sehen sich aber stets als Teil eines größeren Projekt von neofaschistischen Akteuren und Organisationen in Deutschland und Europa, das sie selbst als „Mosaikrechte“ bezeichnen, und nie als eine abgeschlossene, komplett unabhängige “Bewegung” mit dem Anspruch, alleine ihre Ziele zu erreichen. Wer dementsprechend aus ihrer scheinbaren Straßenschwäche und dem Rückzug in das hallesche Haus ihre Irrelevanz schlussfolgert, riskiert, einen wichtigen Moment zu verpassen, in dem sich das Betätigungsfeld der halleschen “IB” wandelt, und damit einen Rekrutierungsraum einer neofaschistischen, deutschlandweit vernetzten Szene unbehelligt zu lassen.

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